Nordwand
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Das Dreieck

Datum Entstehung: 1944

©WILDFISCH

©WILDFISCH

An zentraler Position oberhalb der Ritzung „Erinnerung an den Aufenthalt, 1941-1944“ befindet sich ein Dreieck. Die Initialen G, M und T stehen für „Ghetto Město Theresienstadt “. Übersetzt heißt dies „Ghetto Stadt Theresienstadt/Terezín“. Auch dies ist eine letzte kollektive Botschaft von Häftlingen.

Im Zentrum des Dreiecks war ursprünglich ein Tor der Festung geritzt – das Motiv findet sich in der Poterne gleich an mehreren Stellen. Heute ist es leider nicht mehr sichtbar. Dafür fällt jedoch der Name Jurko Dikan in kyrillischer Schrift und die Jahreszahl 1949 ins Auge.

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Das Tor

Datum Entstehung: 1-10/1944

©WILDFISCH

© WILDFISCH (2005)

Im Ghetto Theresienstadt wurden sämtliche Ein- und Ausgänge an der Grenze des Ghettos streng überwacht. Die Abriegelung erfolgte durch die tschechische Gendarmerie und die Ghettowache (GW), die aus Häftlingen gebildet wurde. Dieser Dienst war relativ beliebt, denn er schützte vor „Weisung“ (in einen Osttransport) und erlaubte in begrenztem Umfang das „Paschen“, also Schmuggeln von Lebensmitteln und Zigaretten.

Dass Mitglieder der GW auch die Poterne III bewachen mussten, belegt diese tschechische Inschrift: „BRANA STŘEŽENA STRÁŽĺ GHETTA L.P. 1944“ (dt. Das Tor wird überwacht von der Ghettowache 1944.)

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Der Erinnerungsort

Datum Entstehung: 1944

©Pamatnik Terezín A 1900 (Aufnahme von 1945)

©Pamatnik Terezín A 1896 (Aufnahme von 1945)

Die zentrale Platzierung unterhalb eines Dreiecks und der tief geritzte ovale Rahmen mit den Daten 1941–1944 sind Hinweise dafür, dass diese Inschrift einen besonderen Stellenwert hat.

Das Foto aus dem Jahr 1945 belegt, dass ein ganzer Abschnitt der Südwand von mehreren Ghettowachmännern gezielt ausgewählt und gemeinsam gestaltet wurde, um eine Art gemeinsame Erinnerungsstätte zu schaffen. Text und Anmutung erinnern an eine Gedenktafel, wie man sie von vielen Orten kennt. Die originale tschechische Inschrift lautet:

  • Inschrift:
  • PAMATCE
  • na
  • Pobyt
  • 1941–1944
  • Übersetzung in Deutsch:
  • ZUR ERINNERUNG
  • an den Aufenthalt
  • 1941–1944

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Der Ghetto-Code

Datum Entstehung: 4/1942-9/1944

©WILDFISCH

© WILDFISCH (2011)

„AKB MEZIMOS […] 628“ ist eine verschlüsselte Botschaft eines Häftlings. Der Urheber hat seinen Namen nicht hinterlassen, dafür aber seine persönliche Transportnummer Akb Nr. 628.

Da jeder Person eine Transportnummer zugeordnet wurde, kommt nur Adolf Freund (geb. 29.11.1896) als Urheber infrage. Er kam am 18. April 1942 zusammen mit seiner Frau Gertruda (geb. 23.11.1897) mit einem Transport aus Budweis nach Theresienstadt. Am 29. September 1944 wurde er in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, seine Frau wenige Tage später. Beide wurden vermutlich gleich nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet.

Die Inschrift MEZIMOS […] bleibt noch rätselhaft: Doch sehr wahrscheinlich ist, dass der Ort Mezimost / Mezimostí in Mittelböhmen gemeint ist.

 


Adolf Freund

  • geb. 29.11.1896
  • Transport Akb / 18.4.1942 / Budweis/České Budějovice – Theresienstadt/Terezín
  • Transport El / 29.9.1944 / Theresienstadt/Terezín – Auschwitz/Oświęcim
Gertruda Freundová

  • geb. 23.11.1897
  • Transport Akb / 18.4.1942 / Budweis/České Budějovice – Theresienstadt/Terezín
  • Transport En / 4.10.1944 / Theresienstadt/Terezín – Auschwitz/Oświęcim

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Der Ghettowachmann

Datum Entstehung: vermutlich 1944

©WILDFISCH

©WILDFISCH

Das Relief zeigt einen Ghettowachmann. Trotz starker Verwitterung sind noch die ausdrucksstarken Gesichtszüge zu erkennen. Die Schlinge um den Hals ist nicht original, wie ein Fotos aus dem Jahr 1945 beweist.

Unter dem Porträt ist ein Tor der Festung Theresienstadt dargestellt.

 

 

 

 

 

 

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Der Pfeil

©WILDFISCH

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Datum Entstehung: 7/1944

Viele Häftlinge haben in der Poterne III ihre Signaturen hinterlassen. Auch dieses Bild zeugt davon. Jedoch nur wenige haben ihren vollständigen Namen in den Stein geritzt. Einer von ihnen war Wilhelm Wolf Waltuch. Sein Name, die Signatur „W.W.“ und ein Pfeil sind ihm zuzuordnen.

Der Pfeil von Wilhelm Waltuch weist auf ein kleines Kunstwerk. Stammt es auch von Waltuch? Sicher ist, dass dieses Bild während der Ghettozeit entstand: Ziffern und Buchstaben in den Ecken des Rahmens bilden zusammen das Datum “JULI 1944“. In der Mitte trotz deutlicher Zerstörung noch erkennbar befindet sich ein Wappen oder eine Blume, eingefasst von einem Kreis.

Wilhelm Waltuch während eines Urlaubs in Italien © Kay Sharpe

Wilhelm Waltuch während eines Urlaubs in Italien © Kay Sharpe

Zusammen mit seiner Frau Berta wurde Wilhelm Waltuch am 9. Oktober 1942 im Alter von 53 Jahren von Wien nach Theresienstadt deportiert. Im Ghetto blieb Waltuch zwei Jahre: Am 23. Oktober 1944 wurden er und seine Frau nach Auschwitz-Birkenau deportiert und kamen dort um. Die genauen Umstände ihres Todes sind nicht bekannt. Aufgrund des Alters ist davon auszugehen, dass beide unmittelbar nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet wurden.

Das Ehepaar hatte drei Kinder: Adolf, Gertrude und Hedda. Die Kinder erlebten eine behütete und glückliche Kindheit. Das änderte sich auf drastische Weise mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich: Wilhelm verlor im Zusammenhang mit der „Arisierung“ nicht nur seinen Posten als Geschäftsführer des größten Kinos im 17. Wiener Bezirk, auch das Kino selbst, dessen Mitinhaber er war, ging 1939 in Liquidation.

Familie Waltuch © Kay Sharpe

Familie Waltuch © Kay Sharpe

Der Untergang der Familie vollzog sich in Etappen: Nach Waltuchs Enteignung folgte der erzwungene Umzug aus der Wohnung in der Favoritenstraße 12 – die Adresse liegt in bester Lage im Zentrum Wiens. Wilhelm und Berta bleiben bis zur Deportation in einer Sammelunterkunft für Juden in der Novaragasse 40/26, wo sich viele jüdische Familien, zusammengepfercht auf engstem Raum, bis zu ihrer Deportation aufhalten mussten.

Die Töchter konnten Wien dank einer Arbeitserlaubnis für England gerade noch rechtzeitig verlassen: Hedda reist am 15. März, ihre Schwester Gertrude am 4. April 1939. Beide überlebten dadurch den Holocaust.

 


Wilhelm Wolf Waltuch

  • geb. 26.1.1889 in Zagrabela (nähe Tarnopol)
  • letzter Wohnort: Wien
  • Transport IV/13  /10.10.1942 / Wien – Theresienstadt/Terezín
  • Transport Et /23.10.1944/ Theresienstadt/Terezín – Auschwitz/Oświęcim
Berta Waltuch, geb. Itzigsohn

  • geb. 27.9.1890 in Wien
  • letzter Wohnort: Wien
  • Transport IV/13 / 10.10.1942 / Wien – Theresienstadt/Terezín
  • Transport Et / 23.10.1944 / Theresienstadt/Terezín – Auschwitz/Oświęcim

 



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Der Todesmarsch

Datum Entstehung: 11/1942-12/1943

©WILDFISCH

©WILDFISCH

Überlebende(r): Diese Inschrift stammt wahrscheinlich von Richard oder Jiří Meisl aus Tabor.

Im November 1942 wurden insgesamt 1.268 Juden aus Tabor und Umgebung nach Theresienstadt deportiert. Nur siebzig der Taborer Juden haben den Holocaust überlebt, darunter Richard und Jiří.

Die beiden Brüder wurden am 19. Dezember 1943 zunächst in das sogenannte Familienlager Auschwitz-Birkenau verschleppt. Nach sieben Monaten wurden beide einem Arbeitskommando zugeteilt, das am 3. Juli 1944 nach Schwarzheide, einem Außenlager des KZ Sachsenhausen[1] überstellt wird. Unweit des Lagers befand sich ein Standort der Braunkohle-Benzin AG (BRABAG), den die Häftlinge nach Bombenangriffen der Alliierten wieder aufbauen sollten.

Doch wegen der nahenden Front wurden die Arbeiten eingestellt, am 18. April begann der „Rücktransport“ der Gefangenen nach Theresienstadt. Die Kolonne ist drei Wochen unterwegs und dem Terror der SS-Wachen ausgesetzt: Die meisten Häftlinge sterben aufgrund brutaler Misshandlungen, durch willkürliche Erschießungen oder infolge totaler Erschöpfung. Daher auch der zutreffende Begriff Todesmarsch. Es hat viele solcher Märsche gegeben, in denen sich das hohe Gewaltpotenzial der Wachmannschaften ein letztes Mal und oft auf heftigste Weise entludt. Ziel der Märsche war es zumeist, Beweismittel zu vernichten und dem Zugriff alliierter Truppen zu entweichen.

Am 5. Mai erreichen die Häftlinge Warnsdorf in Böhmen. Hier wurden die jüdischen Häftlinge in offene Kohlenwagons verladen – da sind Richard und Jiří bereits mehr als zwei Wochen unterwegs. In Böhmisch Leipa (Česká Lípa) wird der Zug schließlich auf ein Nebengleis geschoben: „Es regnete in Strömen, und sie standen im offenen Lastwaggon eng zusammengepfercht und bis auf die Haut durchnässt. Dabei aber todhungrig, so dass einer nach dem anderen vor vollkommener Entkräftung tot zusammenbrach.[2]

Am 7. Mai erreichte der Zug endlich die Stadt Leitmeritz (Litomĕřice). Bis zum nah gelegenen Theresienstadt müssen die Häftlinge zu Fuß gehen.[3] Da die SS-Wachmannschaften sich in der Nacht zum 8. Mai absetzten, sind die Häftlinge sich selbst überlassen. Richard und Jiří erreichen mit allerletzter Kraft das bereits befreite Theresienstadt.

Von den 1000 Häftlingen, die den Transport in Schwarzheide antraten, haben nur etwa zweihundert überlebt.[4]

 


  • Richard Meisl
  • geb. 22.9.1913 in Aujest / Červený Újezd
  • Transport Cb / 16.11.1942 / Tabor/Tábor – Theresienstadt/Terezín
  • Transport Dr / 15.12.1943 / Theresienstadt/Terezín – Auschwitz/Oświęcim
  • Ort der Befreiung: Theresienstadt Terezín, 8.5.1945

 

  • Jiří Meisl
  • geb. 4.7.1921 in Aujest / Červený Újezd
  • Transport Cb / 16.11.1942 / Tabor/Tábor – Theresienstadt Terezín
  • Transport Dr / 15.12.1943 / Theresienstadt / Terezín – Auschwitz/Oświęcim
  • Ort der Befreiung: Theresienstadt/Terezín, 8.5.1945

 

 


[1] Wer mehr dazu erfahren möchte: Thomas Irmer: Zwangsarbeit von jüdischen KZ-Häftlingen in der Rüstungsproduktion in der Region Berlin-Brandenburg in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges – die Außenlager Glöwen und Schwarzheide des KZ Sachsenhausen. In: Winfried Meyer, Klaus Neitmann (Hrsg.): Zwangsarbeit während der NS-Zeit in Berlin und Brandenburg. Formen, Funktion und Rezeption. Verlag für Berlin und Brandenburg, Potsdam 2001, ISBN 3-932981-31-6, S. 163–175
[2] Siehe Erich Kessler: Ein Theresienstädter Tagebuch, Der Theresienstädter 20. April 1945 und die Tage danach, In: Theresienstädter Dokumente 1995, Prag 1995, S.316
[3] Zur Chronologie des Todesmarsches: http://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Au%C3%9Fenlager_Schwarzheide, Abfrage 7.4.2015
[4] Vergleiche Alfred Kantor: Das Buch des Alfred Kantor, New York 1971.

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Der Überlebende

Datum Entstehung: 8.5.1944

©WILDFISCH

© WILDFISCH (2011)

Auch an dieser Stelle sticht eine Gruppe aus Buchstaben und Zahlen ins Auge: „AAd 682“. Dies war wichtiger Hinweis für die Identifizierung des Urhebers, denn es handelt sich um die Bezeichnung des Transports von Kolin, der am 13. Juni 1942 nach Theresienstadt ging, und eine ihm zugeordnete Häftlingsnummer. Sie gehört zu Jaroslav Žatečka (geb. 4.5.1928).

Er war zusammen mit anderen tschechischen Kindern im Heim Nr. 1 des tschechischen Kinderheims (L 217) untergebracht. Offenbar war dem Jungen der Durchgang gut bekannt. Am 8. Mai 1944, genau vier Tage nach seinem 16. Geburtstag, hinterließ Jaroslav diese Inschrift.

Im Herbst 1944 kommt auch für ihn der Transportbefehl: Am 28. September 1944 verlässt Jaroslav Theresienstadt Richtung Auschwitz. Dort angekommen kommt er durch die Selektion, wird einem Arbeitskommando zugeordnet, und schließlich in das Konzentrationslager Dachau überstellt. Es ist die letzte Station seines Leidensweges. Jaroslav hatte Glück: Er erlebte die Befreiung im April 1945.

 


Jaroslav Žatečka
geb. 4.5.1928 in Chirles / Krchleby
Transport AAd / 13.6.1942/ Koli/Kolín – Theresienstadt/Terezín
Transport Ek / 28.9.1944 / Theresienstadt/Terezín – Auschwitz/Oświęcim
Häftlings-Nr. im Konzentrationslager Dachau: 115797
Ort der Befreiung: Konzentrationslager Dachau, 11.4.1945

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Die Blumen

Datum Entstehung: 1-10/1944

©Pamatnik Terezín A 1900 (Snímek z roku 1945)

©Pamatnik Terezín A 1896 (Snímek z roku 1945)

Nicht nur die Auswahl des Bildmotivs, sondern auch die professionelle Bearbeitung des Steins sticht hervor. Keine Frage, der Urheber wusste genau, was er macht: Ähre und verschiedene Blüten (unter anderem Kornblume, Maiglöckchen und Veilchen ) sind um eine kreisrunde Öffnung arrangiert.

Mittig oben sind noch erkennbar die Umrisse eines Fünfecks mit einem Motiv, das schon im Jahr 1945 auf grobe Weise entfernt worden war. Weiter unten befindet sich ein auffälliger Rahmen mit einer Inschrift, die heute so starke Spuren von Zerstörung aufweist, dass sie kaum noch lesbar ist. Deutlich erkennbar sind jedoch zwei Daten: 14.12.1942 und 1944. [1]

Ein Foto aus dem Jahr 1945 offenbart zweifelsfrei, wer dieses Kunstwerk hinterlassen hat: Als Urheber kommt nur Karel Russ (geb. 22.6.1895) in Frage, der aus dem Städtchen Kyšperk [2] in Ostböhmen stammte.

Bis zur „Arisierung“ war er als Kaufmann und Inhaber eines Bekleidungsgeschäftes tätig. [3] Der Enteignung des Vermögens folgte die Deportation. Zusammen mit seiner Frau Olga kam er am 17. Dezember 1942 mit dem Transport Ch von Hradec Králové in das Ghetto.

Karel hinterließ eine fast feierlich anmutende Erinnerung an seine Zeit in Theresienstadt. Er hatte jedoch keine Gelegenheit, um den letzten Tag seines Aufenthalts in den Stein zu meißeln. Das bereits dafür vorbereitete Feld (über der Jahreszahl 1944) blieb leer.

Am 28. September 1944 wurde Karel Russ im Zuge der sogenannten Herbsttransporte mit dem Transport Ek nach Auschwitz–Birkenau deportiert, wo er wahrscheinlich unmittelbar nach seiner Ankunft ermordet wurde. Seine Frau Olga verließ das Ghetto nur wenige Tage später am 6. Oktober und erlitt das gleiche Schicksal.

Die beiden Kinder Leo (geb. 2.10.1918) und Růžena (geb. 1923) hatten Glück im Unglück. Sie retteten ihr Leben durch die Auswanderung nach England.

 


Karel Russ

  • geb. 22.6.1895 in Zlosyň
  • letzter Wohnort: Geiersberg/Kyšperk
  • Transport Ch / 17.12.42 / Königgrätz/Hradec Králové – Theresienstadt/Terezín
  • Transport Ek / 28.9.1944 / Theresienstadt/Terezín – Auschwitz/Oświęcim
Olga Russová, geb. Saxl

  • geb. 14.11.1895 in Šedivci
  • letzter Wohnort: Geiersberg/Kyšperk
  • Transport Ch / 17.12.1942 / Königgrätz/Hradec Králové – Theresienstadt/Terezín
  • Transport Eo, 6.10.1944 / Theresienstadt/ Terezín – Auschwitz/Oświęcim

 


[1] Das Datum 14.12.42 stimmt nicht überein mit dem Datum des Transports nach Theresienstadt, der tatsächlich erst drei Tage später am 17.12. 1942 stattfand.
[2] Die tschechische Stadt hieß bis 1950 Kyšperk (deutsch: Geiersberg), benannt nach der gleichnamigen Burgruine. Heutiger Name der Stadt ist Letohrad im Bezirk Ústí nad Orlicí.
[3] Stanislav Adamec: Židé v Kyšperku 1700 – 1945, Letohrad 2001, S.53 f.

 

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Die Endstation

Datum Entstehung: 7/1943-10/1944

©WILDFISCH

©WILDFISCH

Die Inschrift „B. NETTL 1943/4 G.W. 19“ hinterließ Benno Nettl (geb. 19.9.1896). Sie belegt, Nettl war Ghettowachmann Nr. 19. Er kam am 5. Juli 1943 mit dem Transport „De“ von Prag nach Theresienstadt, wo er als Ghettowachmann tätig war.

Ein Jahr danach, im August 1944, wurde Nettl zusammen mit seiner Frau Anna (Annie) Nettlová, seinem Sohn Mirko und seiner Tochter Hana, von der Gestapo verhaftet und in die Kleine Festung überstellt, das berüchtigte Gestapogefängnis gegenüber vom Ghetto. Für die Betroffenen kam das einem Todesurteil gleich: Dem maßlosen Sadismus der SS ausgesetzt, starben viele an den brutalen Misshandlungen, wurden zu Tode gefoltert oder hingerichtet.

Benno Nettl ca. 1940-1942 © Igor Nettl

Benno Nettl ca. 1940-1942
© Igor Nettl

Der Grund für die Verhaftung der Familie: Benno Nettl soll einen Brief geschmuggelt haben und dabei erwischt worden sein. Benno Nettl kam unter nicht bekannten Umständen am 20. Oktober 1944 um. Auch sein Sohn überlebte nicht. Er starb am 22. Dezember 1944 – die Umstände des Todes sind ebenfalls nicht bekannt.

Benno Nettl hat sich auch auf der Nordwand der Poterne 1944 verewigt.

 
 
 
 
 
 


Benno (Benedikt) Nettl

  • geb.19.9.1896 in Roth Retschitz/Červená Řečice
  • Transport De / 5.7.1943 / Prag – Theresienstadt/Terezín
Mirko Nettl

  • geb.4.2. 1924, Ort unbekannt
  • Transport De / 5.7.1943 / Prag – Theresienstadt/Terezín

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Ein Leben – Ernst Gladtke

Datum Entstehung: 3/1943–9/1944

©WILDFISCH (2014) und Pamatnik Terezín A 1900 (Aufnahme von 1945)

© WILDFISCH (2014) und Pamatnik Terezín A 1896 (Aufnahme von 1945)

Am Schicksal Ernst Gladtkes ist exemplarisch der Weg von Hunderttausenden in Nazideutschland nachvollziehbar: Ganz normale Menschen in der Mitte der Gesellschaft wurden zu Verfemten – schrittweise hinausgedrängt, entrechtet, bestohlen, gedemütigt und schließlich ausradiert.

Ernst Gladtke, geboren 1. September 1894 in Berlin, war Kaufmann. Er arbeitete als Teppichverkäufer im Möbelgeschäft Held und Klein, an dem sein späterer Schwiegervater Anteile besaß. 1924 heiratete er dessen Tochter Margot. In ihren Lebenserinnerungen nach dem Krieg schwärmt sie von einer glücklichen Zeit, „bis Hitler kam“. Ernst soll ein warmherziger Vater gewesen sein, der aber auch streng sein konnte, erinnert sich seine Tochter Ellen. Wie viele Väter, damals und heute. [1]

Ernst Gladtke war regelmäßig mit dem Auto im In- und Ausland auf Vertreterreisen – die Geschäfte liefen gut. Schach war seine Leidenschaft, auch unterwegs soll er gern örtliche Schachclubs aufgesucht haben, um dort Spielpartner zu finden.

Passbild von Ernst Gladtke ©Margot Gladtke

Passbild von Ernst Gladtke © Margot Gladtke

Die Schikanen der Nazidiktatur beobachteten die Gladtkes mit Sorge, doch Flucht schien außerhalb ihrer Vorstellungen zu liegen. Als die Diskriminierungen Ende der 1930er Jahre unerträglich wurden, schickten jüdische Bekannte ihre Kinder ins sichere Ausland. Ernst Gladtke wollte anfangs nichts davon hören: „[…] unsere Firma steht so gut da, so werde ich stets meine Familie ernähren können, doch wenn Du willst, so kannst Du sie ja zu diesem Zweck bei der jüdischen Gemeinde anmelden, ich habe aber nicht die Absicht, meine Kinder fortzugeben.“ [2]

Anfang Mai 1939 fiel dann doch die schmerzliche Entscheidung: Ellen und Ursel, damals 13 und 10 Jahre alt, nahmen Abschied von den Eltern. Doch die eigene Ausreise in die USA scheiterte an fehlenden Sicherheiten: Sieben so genannte Affidavits hatten die Gladtkes, das waren Bürgschaftserklärungen amerikanischer Staatsbürger – doch zusätzlich hätten sie ein eigenes Konto in den USA mehreren tausend Dollar Guthaben nachweisen müssen. Geld, dass sie nicht besaßen.[3]

Ab 1940 mussten die Gladtkes Zwangsarbeit leisten. 1943 wurde Ernst Gladtke während der Arbeit festgenommen und in ein Sammellager verfrachtet. Weil er im ersten Weltkrieg verwundet worden war und das Eiserne Kreuz und das Verwundetenabzeichen erhalten hatte, teilte man ihn für das „Vorzugslager“ Theresienstadt ein. Seine Frau Margot erhielt wenige Tage später die Aufforderung, sich „freiwillig“ zum Transport zu melden. Zuvor erlebte sie noch, wie ihr Haus nach einem Bombenangriff in Flammen aufgeht – ihr blieb nicht mehr als ein Rucksack mit ein paar persönlichen Dingen. Ein Arzt gab ihr ein paar Kleidungsstücke für den Mann mit: Lackschuhe, ein Frackoberhemd, ein Taschentuch und ein Paar Socken.[4]

Am 18.3.1943 traf das Ehepaar gemeinsam im Ghetto ein, wurde aber kurze Zeit später getrennt. Während Margot einen Job bei der Post bekam, wurde Ernst Gladtke der Ghettowache zugeteilt. Obwohl es dort größere Essensrationen gab, war ihm der Hunger unerträglich: „Ein Ghettowachtmann bekam anderthalb der normalen Essportion. Die Arbeitszeit dauerte 4 Stunden umschichtig – Wache und Ruhezeit, ununterbrochen und ohne Freizeit. […] Er kam gelegentlich zu mir und bat um Brot. Wir bekamen ein Viertel Brot für 3 Tage und mein Mann aß es sofort auf. Er bestätigte mir, dass er an nichts mehr denken könnte als an seinen Hunger.“[5]

Nach dem Kriege wurden zwölf Opfer des Todesmarsches, darunter auch Ernst Gladtke geborgen. Das Bild zeigt die ausgegrabenen Leichen vor der Beisetzung auf dem Friedhof in Dörschnitz am 1. Juli 1945. ©Fotoarchiv Grahle in Meissen, Nr. 0447, Juli 1945

Nach dem Kriege wurden zwölf Opfer des Todesmarsches, darunter auch Ernst Gladtke geborgen. Das Bild zeigt die ausgegrabenen Leichen vor der Beisetzung auf dem Friedhof in Dörschnitz am 1. Juli 1945. © Fotoarchiv Grahle in Meissen, Nr. 0447, Juli 1945

Auch die Plage durch Flöhe und Wanzen war erheblich, erinnerte sich Margot Gladtke später: „Ich habe bis November auf dem Kasernenhof geschlafen, indem ich mir meinen Strohsack und Decke mitnahm, denn dort wurden wir nur von Flöhen gebissen, die Wanzen kamen nicht mit. Des Morgens bohrte ich aus der Wolldecke oft 20 bis 40 vollgefressene Flöhe heraus, die ich dann zerdrückte. Das Schrecklichste war, dass man nicht kratzen durfte, weil man dann Impetigo [eine bakterielle Hauterkrankung] bekommen konnte, was oft tödlich war. Mein Mann konnte nicht schlafen, weil ihn schon das Kriechen der Tiere auf der Haut störte.“[6]

Am 28. September 1944 wurde Enst Gladtke nach Auschwitz deportiert. Bei der Selektion nach der Ankunft (2 Tage später) wurde er als arbeitsfähig eingestuft und zehn Tage darauf, am 10. Oktober, in das KZ Buchenwald überstellt. Weil er als Beruf Schweißer angab, teilte man ihn zur Zwangsarbeit in den HASAG-Werken ein.[7]Der Rüstungskonzern war der einzige Produzent von Panzerfäusten während des Zweiten Weltkrieges. Als die Front näher rückte, wurden am 13. und 14. April auch die Außenlager aufgelöst und die Häftlinge in Marsch gesetzt. Unter ihnen Ernst Gladtke.

Ein paar Tage hielt er durch, dann starb er, vermutlich an Erschöpfung, im Alter von 50 Jahren am Wegrand. Mit elf weiteren Häftlingen wurde Ernst Gladtke in einer Sandgrube nähe der Ortschaft Roitsch (Sachsen) verscharrt. Am 1. Juli 1945 ließ man die Leichen exhumieren und auf dem Friedhof von Dörschnitz feierlich beisetzen.[8]

Margot Gladtke hatte Glück: Sie blieb bis Kriegsende in Theresienstadt. Nach sechseinhalb Jahren Trennung sah sie ihre Töchter in England wieder. Im Herbst 1947 emigrierte sie erst nach England und später in die USA.

 


  • Ernst Gladtke
  • geb. 1. 9. 1894 in Berlin
  • letzter Wohnort: Berlin
  • Transport I/90 / 18.3.1943 / Berlin – Theresienstadt/Terezín
  • Transport Ek / 28.9.1944 / Theresienstad /Terezín – Auschwitz/Oświęcim
  • letzter bekannter Aufenthaltsort: Taucha bei Leipzig
  • Häftlingsnummer KL Buchenwald: 92799
  • gest. 24.4.1945 in der Nähe von Roitzsch (Sachsen)
  • Margot Gladtke
  • geb. 19.11.1902
  • letzter Wohnort: Berlin
  • Transport I/90 / 18.3.1943 / Berlin – Theresienstadt/Terezín
  • Befreiung in Theresienstadt/Terezín am 8.5.1945

 



[1] Margot Gladtke: Für meine Kinder und Enkel (unveröffentlichte Lebenserinnerungen), alle Rechte bei Ellen Alexander, New York
[2] Ebenda
[3] Ebenda
[4] Ebenda
[5] Ebenda
[6] Ebenda
[7] ITS Archiv Doc.Nr.5285537#1
[8] Jugendprojekt Zeitensprünge: Auf den Spuren der Häftlingsnummer 92799, Hg.Robert Hartzsch, 2011

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Objekt der Begierde

Datum Entstehung: 11/1944 – 6/1945

©Pamatnik Terezín A 1900 und Wildfisch

© Wildfisch (2005) und Pamatnik Terezín A 1896 (Aufnahme von 1945)

Versteckt in einer Nische und nur wenige Centimeter groß, muss man schon genau hinsehen, um einen weiblichen Frauenakt zu erkennen. Die erotische Darstellung ist fast genau 70 Jahre alt, wie ein Foto aus dem Jahr 1945 beweist. Denkbar ist, dass das Relief erst im Frühjahr 1945 entstand, das lässt die Farbe des Sandsteins vermuten. Ob hier tatsächlich ein Häftling sich verewigt hat, bleibt Spekulation.

 

 

 

 

ERKUNDEN SIE DIE SPUREN DER GESCHICHTE!

Interaktive Karte – Die südliche Wand der Poterne III

Viele Spuren sind nach 70 Jahren leider nur noch mit Mühe erkennbar, einige wurden durch Vandalismus unrettbar zerstört. Mit der interaktiven Karte sollen die wichtigsten Zeugnisse aus der Zeit des Ghettos für die Nachwelt sichtbar bewahrt werden.

Dies ist eine originalgetreue Wiedergabe der südlichen Wand der Poterne III kurz vor ihrem Ausgang zum Festungsgraben. Die Pins auf der Karte markieren besonders interessante Spuren und solche Ritzungen, deren Urheber identifiziert werden konnten.

Beim Klick auf einen Pin wird der Bildausschnitt vergrößert dargestellt, außerdem erhalten Sie nähere Informationen über die Zeugnisse und ihre Urheber. Sie gewähren einen exemplarischen Blick auf die Zehntausende Schicksale zwischen 1941 und 1945 im Ghetto Theresienstadt.

Das Foto zeigt einen Abschnitt der Südwand der Poterne im Jahr 1945. Jiří Lauscher, ein ehemaliger Häftling des Ghettos Theresienstadt, machte die Aufnahme kurz nach der Befreiung. Die Entdeckung des Fotos im Archivbestand der Gedenkstätte ist ein Glücksfall, denn eine konkrete Ortsbeschreibung zu dem Foto gab es nicht. Die Suche nach Ernst Gladtke, der seinen Namen hinterließ, führte zu der außergewöhnlichen Entdeckung. ©Pamatnik Terezín A 1896

ZITIERHINWEIS
Fischer, Uta, Theresienstadt 1941-1945 – Materielle Zeugnisse und Spuren. Poterne III, Berlin 12.9.2014, (Zugriffsdatum).

URL: https://ghettospuren.de/poterne-3/poterne-3-suedwand/

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