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Jeder Dachboden und jeder Keller ist anders: Manche sind aufgeräumt, manche voll Gerümpel; manche bergen spärliche Reste der Ghettozeit, andere sind voller Fingerzeige und bewegender Überreste der unfreiwilligen Bewohner. So wie dieser hier.

Der Weg nach oben auf den Dachboden ist ein bisschen aufregend – so, als ob ich befürchtete, das Eselchen und die Käfer und auch das Haus wären nach all den Jahren nicht mehr da. Vielleicht ist es auch Wiedersehens-Vorfreude. Vielleicht auch die Sorge, dass alles anders ist, als in der Erinnerung.

Und dann stehen wir , wieder vor der Wand, wie vor über zehn Jahren, als wir durch einen Tipp von Karel Tolde, dem damaligen Geschäftsführer der Theresienstädter Stiftung (Nadace Terezín), hierher gelangten: Eines der vielen Zimmerchen, die sich die unfreiwilligen Bewohner Theresienstadts zwischen 1941 und 1945 auf den Dachböden einrichteten und im Rahmen ihrer bescheidenen Mittel zu einer kleinen Heimat machten. Einer Heimat für sie und ihre Kinder.

Die fast weiße Wand ist mit Bildern versehen: Ein idyllisches Sommerhaus in Pastelltönen. Zwei tanzende Marienkäfer, die sich an den Händen halten. Ein Huhn und eine Ente, ein trauriger Kasper. Und eben das Eselchen. Es blickt mürrisch, hat die langen Ohren nach hinten gedreht; viel fehlt nicht, und es würde böse schnappen nach dem Beobachter.

Dennoch rührt es. Gerade weil es nicht offensichtlich „niedlich“ ist, weil es eine begabte Hand sehr realitätsgetreu an die Wand malte. Wer selbst Kinder hat, weiß: Die lieben so etwas.

Wer hat diese Bilder gemalt? Für wen? Die Wand hat keine Antwort. Es gibt nicht einmal Signaturen.

Da stehst du auf dem heißen, staubigen Dachboden, inmitten von Stille, nur gelegentlich dringen gedämpfte Verkehrsgeräusche von der Straße herauf, und starrst diese harmlosen Bilder an, und fast augenblicklich schaltet Deine Fantasie den Turbo ein: Du siehst Kinder auf einem Bett sitzen, sie schauen zu, wie die Bilder entstehen, geben den Figuren Namen oder erkennen Gestalten aus ihren Bilderbüchern wieder. Vielleicht sprechen sie sogar mit ihnen, abends vor dem Einschlafen. Und eines Tages sind die Kinder nicht mehr da, sie wurden abgeholt. Die Bilder aber bleiben, Tag für Tag und Nacht für Nacht harren sie aus an der Wand, und sie werden sicher auch noch nach uns hier sein und warten.

Denn jemand hat ein Auge auf sie: Der Eigentümer des Hauses hat sich irgendwann – ob bewusst oder unbewusst – entschlossen, den Dachboden in diesem Zustand, so wie er 1945 gewesen sein mag, zu belassen. Das haben wir in einigen Häusern erlebt: Respekt vor dem Vergangenen hat dort dazu geführt, dass nichts verändert wird.

Uns fällt wieder der Satz des tschechischen Humanisten Přemysl Pitter (1895-1976) ein, der – im Krieg und unmittelbar danach – erst viele jüdische Kinder rettete, dann – nach dem Krieg – viele deutsche Kinder:
„Kein Kind kann etwas dafür, in welcher Zeit und in welcher Familie es geboren wird. Kein Kind soll leiden!“

Wir: Das sind Uta Fischer und Roland Wildberg

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Text: Roland Wildberg | Fotos: ©WILDFISCH, Roland Wildberg & Uta Fischer

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